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Neues Bremisches Kochbuch

Bremisches Kochbuch
nebst einem Anhange wichtiger Haushaltsregeln und der Angabe und Vergleichung 3. Ausgabe 1823
Bremisches Kochbuch
nebst einem Anhange wichtiger Haushaltsregeln und der Angabe und Vergleichung oder vornehmsten Deutschen Maße und Gewichte; wodurch dasselbe für ganz Deutschland brauchbar wird. von Betty Gleim Dritte, verbesserte und stark vermehrt Auflage. Bremen, 1823.
Bei Johann Georg Hense
Gleim, Betty geb. am 13.8.1781 in Bremen.Betty Gleim wurde am 13. August 1781 in Bremen geboren. Ihre Eltern waren der aus Halberstadt eingewanderte Weinhändler Johann Christian Gottlieb Gleim und seine Frau, eine Bremerin, geborene Tidemann. Der Onkel ihres Vaters, der Dichter Ludwig (1719 - 1803), hatte auf die geistigen Interessen der Familie wie auf die Erziehung des jungen Mädchens großen Einfluss. Das gescheite Kind wurde früh mit fremden Sprachen, Schriftstellern und Dichtern vertraut gemacht. Die pädagogische Literatur wurde zu ihrer Lieblingslektüre und in ihrem Herzen wuchs die entschiedene Absicht, selbst den Lehrberuf zu ergreifen. In Bremen war ein mächtiger Aufschwung des Erziehungswesens im Gange. Vorzüglich Schulen wurden eingerichtet, Fachleute angestellt, der lange geduldete Dilettantismus ging zu Ende.

Betty Gleim vertiefte ihre Bildung auf großen Reisen, verlobte sich mit einem jungen Geistlichen, der sich um eine Anstellung in Bremen bemühte. Bei nBetty Gleimäherem Kennenlernen entsprach jedoch der Bräutigam nicht den vielleicht etwas zu hoch gespannten Erwartungen; die Braut wollte das gegebene Wort aus Gewissenhaftigkeit nicht brechen. Die Tragödie eines unerfüllten Daseins wurde glücklicherweise vermieden, der Bräutigam durch einen väterlichen Freund zur Aufgabe des Verlöbnisses bewogen. Aus der bitteren Herzensniederlage mögen manche ihrer Wesenszüge, ihre spröde Gespanntheit, ihr Ernst, ihre Ungeduld zu erklären sein. Gleichwohl gewann Betty Gleim aus ihrer privaten Enttäuschung verdoppelte Kraft für die Verwirklichung ihrer Ideale. Sie war erst 24 Jahre alt, als sie ihren Jugendplan einer “Erziehungsanstalt für die weibliche Jugend” in die Tat umsetzten konnte. Sie ging mit äußerster Gewissenhaftigkeit zu Werke, besuchte andere schon bestehende Institute und legte ihre Erfahrungen in einer umfangreichen Arbeit nieder, die zugleich auch den Lehrplan für die eigene Schule darstellte.

Am 14. Oktober 1806 - es war der Tag, an dem Napoleon in der Schlacht von Jena und Auerstedt Preußen vernichtend schlug - kündigte sie die Errichtung einer “Lehranstalt für Mädchen” öffentlich an. In dieser Bekanntmachung hieß es: Da mir das Geschäft der Erziehung von jeher als eines der wichtigsten und interessantesten erschienen ist und die Lage derjenigen, welche imstande sind, diesem Beruf ihre Zeit und ihre Kräfte zu widmen, stets einen großen Reiz für mich gehabt hat, so habe ich längst innig gewünscht und mich dahin zu bilden bemüht, mich diesem Geschäft widmen zu können. In der Hoffnung, mich unter diesen Umständen nützlich machen zu können, bin ich entschlossen, diesem längst gehegten Lieblingswunsch Wirklichkeit zu geben. Die zahlreichen Verbindungen, welche die Familie und die junge Prinzipalin selbst unterhielten, die allgemeine Sympathie, die sie genoss, förderten ihr Unternehmen ungemein. Bald hatte ihre Schule über 80 Schülerinnen. Der kühne, selbstlose Entschluss Betty Gleims ist um so höher zu bewerten, als in der Hansestadt zu jener Zeit die breiten Schichten im Grunde immer noch jede tiefer gehende Schulbildung für Mädchen für gänzlich überflüssig erachteten. Vor allem, so hören wir aus jenen Jahren, hielt man es für zwecklos, Deutschunterricht zu erteilen. Wat wult ju dütsch leern - ihr snakt ja all dütsch! bekamen die jungen Mädchen von ihren Großmüttern zu hören.

Von der Lehranstalt der Gleim erwarteten die meisten bremischen Eltern kaum mehr als das, was auch sonst in den primitiven Elementarschulen geboten wurde. Man war überrascht, allmählich sogar beunruhigt, als man feststellte, dass die junge begeisterte Lehrerin ihren Zöglingen mehr vermitteln wollte, als Lesen, Schreiben, Rechnen und den Katechismus. Sie hatte aber bereits in der Planung eindeutig zum Ausdruck gebracht, dass es ihr Ziel war, die Entwicklung der Kräfte des Menschen zum wahrsten und freiesten Menschtum zu fördern. Sie wollte den heranwachsenden Mädchen auch die Mittel an die Hand geben, sich mit Hilfe ihrer eigenen geschulten Geisteskräfte wirtschaftlich betätigen zu können. In ihrer von A. Kippenberg herausgegebenen Lebensbeschreibung wird eine ihrer Schülerinnen zitiert: Stets musste man, wenn man etwas gesagt hatte, des ‘Warum’ der Lehrerin gewärtig sein! Es schwebt mir noch vor, wie sie die Betreffende mit ihren dunklen durchdringenden Augen ansah und nachdrücklich ihr ‘Warum?’ fragte.

Aus der praktischen Lehrtätigkeit zog sich Betty Gleim zurück, als durch Intrigen und Klatsch Entfremdung zwischen ihr und den Eltern eintraf. Sie wandte sich der pädagogischen Schriftstellerei zu. Noch umgab das Auftreten der Frauen als Eigenpersönlichkeit eine Welt von Vorurteilen, noch stand die Gleichberechtigung als Utopie am Anfang einer fast hundertjährigen Entwicklung! Das handlichste war dem utilitarischen Sinn der Hansestadt geläufigste Argument, war stets das gleiche: Was kann es einem Frauenzimmer schon nützen, gebildet zu sein - es kommt auf das Praktische an!

Betty Gleim war Bremerin genug, um zuzugeben, dass eine Frau kochen können muss. Und sie konnte persönlich beweisen, dass höhere geistige Interessen einer Frau sich mit ihrer hauswirtschaftlichen Tätigkeit sehr wohl vertragen. Sie veröffentlichte im Jahre 1808 ein Bremisches Kochbuch. Die Verfasserin errang damit einen unerhörten Erfolg, eine Auflage nach der anderen erschien - die 13. Auflage mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Geburt, im Jahre 1892. Ganz Bremen kochte, buk und briet nach Betty Gleim. Ein wenig Tragik sogar Tragikomik sind in diesem Sieg verborgen, den der Geist über die bremische Materie erringen wollte und den die bremische Materie über den Geist erzielte. Verständlich scheint es, dass diese Gleimsche Unternehmung glückte in einer Stadt, die so gerne ihre Mahlzeiten in Feste und ihre Feste in Mahlzeiten zu verwandeln bereit war.

Als sie am 27. März 1927, mit 46 Jahren, starb, hatte sie aus ihrem Leben etwas für ihre Epoche einzigartiges gemacht: ein selbständiges schöpferisches Dasein in bewundernswerter geistiger Freiheit und Unabhängigkeit. Im biedermeierlichen Bremen ist ihre Saat nur langsam aufgegangen. Die Stadt, die Obrigkeit, der alte Bürgermeister Johann Smidt, hatten andere Sorge
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